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JNC Magazin - April 2006


Mode und gesellschaftlicher Wandel: Nichts muss, alles kann

Am Anfang eines neuen Jahrtausends, an welchem man sich kollektiv fragt, ob es gilt, alte Werte wiederzubeleben, oder vielmehr, diese gänzlich über Bord zu werfen, scheint alles möglich und nichts verbindlich. Entsprechend schwierig gestaltet sich auch der Versuch, den aktuellen Standort der Mode zu bestimmen, ist diese innerhalb der Generation ‚Ungewiss’ doch längst zum Spielball des Einzelnen im Streben nach größtmöglicher Individualität avanciert – was sie jedoch keinesfalls davor bewahrt, insgesamt immer gleichförmiger zu werden.

Seit nunmehr einigen Jahren durchläuft unsere Gesellschaft einen grundlegenden System- und Wertewandel. Die bittere Erkenntnis, dass die Idee vom Sozialstaat gescheitert zu sein scheint, beunruhigt, ängstigt und spaltet die Menschen ebenso wie die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und wachsende Armut. Um die vielfältigen Probleme dauerhaft und zur Zufriedenheit aller zu bewältigen, bedarf es langwieriger und tiefgreifender Veränderungen. Trotz aktuell positiver Wachstumszahlen, eine nachhaltige Besserung scheint vorerst nicht in Sicht – zumindest nicht für alle: Ohnmacht, Resignation und Frustration prägen die kollektive Stimmung auf der einen, FDP-Parolen die auf der anderen Seite. Mitten drin all jene, die irgendwo zwischen den Stühlen sitzen.

Doch inwieweit können Moden überhaupt noch als verlässlicher Indikator für Gemütszustände fungieren - in einer derart heterogenen Gesellschaft, die von Vermischung und mannigfachen Interessen und Bedürfnissen geprägt ist, in der die Schere zwischen reich und arm immer weiter auseinander klafft und Generationskonflikte zunehmend obsoleter werden?

Von den 50ern bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein verriet die Mode einer Gesellschaft zumeist auch etwas über deren Befinden. Als Gradmesser für aktuelle Zu- beziehungsweise Missstände galt vor allem der Look der Jugend, vorrangig aus unteren sozialen Schichten, die über ihr Outfit und eine entsprechende Haltung Rebellion gegen den herrschenden Status Quo übten oder ihre Stimmung zum Ausdruck brachten. Mit schöner Regelmäßigkeit löste zu Beginn eines neuen Jahrzehnts eine neue Bewegung die alte ab und die ursprünglich als Auflehnung gegen das Establishment gedachten Trachten wurden früher oder später allesamt von Designern auf den Laufstegen dieser Welt zitiert, dann vom Mainstream adaptiert und damit endgültig ihres symbolischen Charakters entledigt.

Seit Anfang der 90er Jahre, als mit der Grunge- und Techno-Bewegung die vorerst letzten Jugendkulturen Einzug hielten, deren Moden schneller als je zuvor billigen Vermarktungsstrategien zum Opfer fielen, verwässerten und verselbstständigten sich die einst eindeutigen Kodes und sind längst Teil des allgemeinen Geschmacks, ganz unabhängig vom Alter, geworden: seien es die Insignien der Hip-Hop-Bewegung, die heute in Form von Baggy-Hosen, Kappen, Kapuzenpullis und Sneakern auch von 40-jährigen Familienvätern getragen werden, sei es der Iro, früheres Identifikationsmerkmal der Punks mit No-Future-Attitüde, der inzwischen – mal mehr, mal weniger überzeugend – zahllose Häupter von Fußballspielern oder Anzugträgern ziert. Oder das Palituch, einst ungemein kontrovers, das zuletzt eine Renaissance erfuhr und dabei auf seine bloße Funktion als modisches Accessoire reduziert wurde. Mit der Bekennung zu einer wie auch immer gearteten politischen oder ideologischen Haltung hat all das längst nichts mehr gemein.

Darüber hinaus hält die moderne westliche Kultur keine institutionalisierten, formalisierten oder ritualisierten Übergänge von der Welt der Jugendlichen in die Welt der Erwachsenen mehr bereit. ‚Jung bleiben’ und entsprechend kleiden kann man sich inzwischen, unabhängig von Status, Alter oder Figur, so lange man möchte. Ob sich der Einzelne mit seinem Kleidungsstil womöglich der Lächerlichkeit preisgibt, tangiert längst nur noch wenige. Schließlich gehören peinliche Exhibitionisten bereits seit Jahren zum täglichen TV-Talk, der mit dafür gesorgt hat, dass man heute, um überhaupt noch zu Schockieren, tief in die Trickkiste greifen muss.

Sicher drückt die vermeintliche Individualität der vielfältigen Looks einerseits den Wunsch nach Einzigartigkeit aus, was per se erst mal begrüßenswert ist. Andererseits scheint die betonte Jugendlichkeit gerade bei den heute 30- bis 40-Jährigen doch auch Symptom einer gewissen Sehnsucht zu sein, sich (noch) nicht in Konventionen fügen zu wollen. Das Outfit fungiert als letztes, eisern konserviertes Symbol einer Zeit der Unbeschwertheit und Sorglosigkeit, die mit weit weniger Druck und Verantwortung behaftet war, als es die Gegenwart ist. Schließlich stimmte zu Zeiten, als diese Generation ihre Jugend durchlebte, die Konjunktur, so dass der Hedonismus, trotz Kalten Kriegs und anderer ‚Zwischenfälle’ doch weithin fröhlich seine Kreise zog. Man hatte einfach wesentlich mehr Möglichkeiten als die Jugendlichen von heute, konnte an Ausbildung oder Studium weitaus spielerischer herangehen, die Jugend länger genießen und musste sich viel später entscheiden, wie man sein Leben letztendlich gestalten wollte.

Die derzeit Heranwachsenden werden diese Freiheit nicht mehr haben. Konfrontiert mit einem heillos überfüllten Arbeitsmarkt, werden sie gezwungen sein, sich recht schnell für einen Weg zu entscheiden, wenn sie den Anschluss nicht verlieren wollen. Dass der Jugendliche von heute, anders als seine Vorgänger – egal, ob nun Mod in den 60ern, Hippie in den 70ern oder Punk in den 80ern – oftmals keinerlei Bedürfnis nach Abgrenzung sichtbar werden lässt, erklärt sich jedoch vermutlich nicht allein aus diesem Zwang heraus. Denn: Selbst wenn man die Zeichen der Zeit ignoriert und, entgegen des Trends, rebelliert – wo finden sich in einer Anything-goes-Gesellschaft überhaupt noch passende Ausdrucksformen für den persönlichen Protest?

Stattdessen scheint eine bereits sehr frühe Anpassung die Generation der unter 20-Jährigen von heute zu prägen. Vor allem die Kinder von liberalen, ‚junggebliebenen Eltern’ haben es oft schwer, ihre eigene modische Nische zu erobern. Da aller Anpassungstendenzen zum Trotz eine Abgrenzung von den Erziehern wohl immer Teil jugendlicher Identitätsfindung sein wird, verstärkt sich ein pubertärer Moralismus logischerweise vor allem dann, wenn diese besonders unangepasst sind.

Viele junge Eltern zeigen sich erstaunt angesichts der Manöverkritik, die ihr Nachwuchs an ihrem freigeistigen Lebens- und Kleidungsstil übt. Dabei scheinen die Jugendlichen instinktiv wieder nach Richtlinien zu verlangen, die ihnen die multioptionale Gesellschaft nicht mehr vorgeben kann. Gleichzeitig werden sie durch die Überschwemmung mit medialen Reizen von Übersättigung und einer gewissen Handlungsunfähigkeit bestimmt.

Kein Wunder, dass die modische Orientierung unter jungen Menschen heutzutage viel stärker über die bloße Imitation medialer Oberflächen erfolgt, als es noch in den 60er bis 80er Jahren der Fall war. Damals wurden Looks zwar auch imitiert, jedoch teilte man zugleich die entsprechende Haltung, die subkulturelle Gruppen, insbesondere musikalische Szenen, vorgaben und wollte damit sein Anderssein demonstrieren. Zwar existieren die alten Jugendkulturen nach wie vor – seit ihre modischen Ausdrucksformen den Mainstream erreicht haben jedoch zumeist nur noch als optisches Zitat. Was also prägt heute die Mode, wo der jugendliche Innovationsschub längst erlahmt, wenn nicht gar erloschen ist?

Bereits in den 90er Jahren wurden vorangegangen Epochen rauf und runter zitiert und modische Stile durchgesampelt, was das Zeug hielt. Das Resultat war eine Mannigfaltigkeit an Trends, die nebeneinander funktionierten, eine einheitliche Aussage jedoch vermissen ließen. Diese Heterogenität ist längst zum Status quo avanciert, nicht zuletzt auch aufgrund der Popularität von Fast-Food-Mode à la H&M oder Zara.

Und doch scheinen sich zumindest im elitären Fashion-Segment langsam aber sicher eine andere Linie und ein neues Bewusstsein zu manifestieren. Das Bedürfnis nach einer Rückbesinnung auf alte Werte wie Ordnung und Klarheit, Tradition und Klassik zeichnet sich zusehends in Silhouetten ab, wie man sie zu Anfang des letzten Jahrhunderts bis in die 50er Jahre hinein kannte. Spießigkeit und Hochgeschlossenheit sind wieder up-to-date und demonstrieren die Ernsthaftigkeit und Sorge, die, als Kontrapunkt zum wachsenden Gleichmut, ebenfalls unsere Zeit prägen.

Wie Andreas Hoyer, Mitinhaber des Kölner Modegeschäfts ‚Heimat’ feststellt, keimt vor allem bei seiner männlichen Kundschaft ein deutliches Bedürfnis nach konservativer Kleidung auf. Das liegt seiner Ansicht nach vor allem daran, dass die Männer sich angesichts unsicherer Zeiten wieder zunehmend mit der Versorgerrolle identifizieren. Darüber hinaus sei der neue Konservatismus wohl eine Reaktion auf die Erkenntnis, dass es ganz ohne Hierarchie und einen entsprechend autoritären Kleidungsstil letztlich nicht zu funktionieren scheint, wie das Scheitern der New-Economy-Bewegung von vielen interpretiert wird.

Eine Gefahr dieser Entwicklung sieht Hoyer jedoch vor allem darin, dass eine Besinnung auf Tradition missverstanden und mit einem ideologischen Konformismus einhergehen könnte. Statt moderne Lebensmodelle zu integrieren und akzeptieren, bestünde durchaus die bedenkliche Tendenz, Menschen in bestimmte Formen zu pressen und ihre Freiheit der persönlichen Entfaltung einzuschränken. Das was über Kleidung nur indirekt passiert, könnte sich konkret auch im Verhalten und Umgang der Menschen miteinander äußern. Denn mit der optischen Normierung einer Gesellschaft steige nicht nur die Tendenz, bestimmte Gruppen auszugrenzen, sondern vor allem die Gefahr, sich plakative Feindbilder zu kreieren.

Nichtsdestotrotz ist die Rückbesinnung auf alte Werte und Traditionen an sich erst mal eine begrüßenswerte Entwicklung – zumal dann, wenn man sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung vollends bewusst ist: nicht nur, weil Klarheit und Reduktion in Zeiten des Chaos ein großer Reiz obliegt, sondern auch weil mit dem Einsatz von traditionellen Fertigungsstrategien und Produktionsstätten, die derzeit gerade in Ostdeutschland eine Wiederbelebung erfahren, eine, zumindest symbolische, Antithese zur Massenproduktion in strukturschwachen Ländern formuliert wird. Doch – und damit zur Kehrseite der Medaille - das was die Avantgarde ausruft, wird die Masse wohl nur bedingt erreichen, und das zudem erst Jahre später.

Wie sonst lässt sich sinnvoll erklären, dass schmale taillierte Hosen schon seit geraumer Zeit den Look auf den Laufstegen prägen, im Straßenbild aber weiterhin Low-Waist dominiert. Oder, dass sich – eigentlich eine modische Marotte der 90er – auf den Großstadtboulevards der westlichen Welt nach wie vor ein offensives Zur-Schau-Stellen von Designerlogos beobachten lässt, während die Modemacher längst Understatement propagieren. Nicht selten dauert es ein ganzes Jahrzehnt oder länger, bis sich eine neue Ästhetik durchsetzt. Oft markieren in der Couture dann schon wieder ganz andere modische Formeln den State-of-Fashion. - im Grunde ein rätselhaftes Phänomen, wenn man bedenkt, dass eigentlich gerade die großen, stark frequentierten Modeketten dafür bekannt sind, ihre Kollektionen gleich vom Catwalk weg abzukupfern.

Unanhängig von, oder gerade wegen der wirtschaftlichen Situation wird darüber hinaus das Bedürfnis der Menschen bleiben, Mode möglichst schnell und günstig konsumieren zu wollen. Die Geiz-ist-geil-Mentalität wird, ungeachtet des weitverbreiteten Wissens um die Ausbeutung von Menschen im asiatischen und osteuropäischen Raum, weiter um sich zu greifen. Zumindest bei einer elitären Minderheit jedoch, verfestigt sich offenbar die Erkenntnis, dass ein Gegenpol zu dieser kollektiven Gedankenlosigkeit und Gleichschaltung mehr denn je notwendig ist. Bleibt zu hoffen, dass Schlüsselbegriffe wie Fair Trade, Tradition und Handwerk nicht zu marketingstrategischen Floskeln verkommen und sich im Laufe der Zeit im Bewusstsein einer größeren Allgemeinheit verankern. Wohin die Reise geht, kann im Moment, da Konfusion, Willkür und Uneinigkeit regieren und sich globale Strukturen erst formen, wohl keiner verlässlich voraussagen. Nichts muss, alles kann. Vielleicht ist genau das Fluch und Segen zugleich.

Bereits 1998 formulierte Ulf Poschardt in seinem Buch ‚Anpassen’ eine These, die heute aktueller denn je scheint – vor allem, weil sie zugleich ihre eigene Antithese birgt: „Es sieht nicht so aus, als ob irgendeine Geisteshaltung das diffuse Subjekt wieder zusammenfügen könnte. Wir (...) ertragen Widersprüche leichter, als es sein müsste. Der Wille zu einer ganzheitlichen Anthropologie ist ebenso verschwunden, wie der Wille zur Versöhnung von Widersprüchen. Die Nüchternheit der Weltsicht und das Akzeptieren des Zerstörungswerks der Kultur und der Zivilisation haben sich zu einer harten Front vereinigt. Der Kampf um die Auflehnung im Dienst einer universalen Verbesserung der Welt ist weitgehend aufgegeben. (...) Schlimm und wahrscheinlich auch dumm wäre es, angesichts dieser Situation einen Abgesang zu formulieren. Wahrscheinlich formiert sich nur ein neues Bild vom Menschen, das erst nach und nach verstanden und mit Leben gefüllt werden kann. Ob das dann wieder in einem komplexeren, aber dennoch ganzheitlichen Bezug geschehen wird, weiß Ende dieses Jahrtausends niemand.“